Warum ich überhaupt da hingegangen sei? fragte mich meine Freundin. Das sei doch erbärmlich.
Scarlett Johansson und Natalie Portman, zwei Frauen, die ich in fantastischen Filmen gesehen habe, darunter „Lost in Translation“, „Hautnah“ und „Garden State“, mit denen ich schöne und unschöne Filmerlebnisse hatte, beide ungefähr in meinem Alter und beide für mich so unnahbar wie ein Weichkäse im Tiefkühlregal bei Plus für einen Kreuzschlitzschraubenzieher in meinem Werkzeugkasten. Und da bot sich die Chancen, beide auf einmal zu sehen. Ich musste sie ergreifen.
Fj, ein bei der Pressekonferenz anwesender Journalist der Berliner Zeitung, versucht in seinem Bericht der Wochenendausgabe dieser sonst alltäglichen Berlinaleveranstaltung die unverständlichen Notizen in seinem Block zu interpretieren, womit sich der Eindruck verstärkt, dass er sich mehr auf Scarlett Johanssons Mund und den Klang ihrer Stimme konzentriert hat, als das, was sie eigentlich sagen wollte.
Ist mir etwas Ähnliches passiert? Nein. Eine Frau, deren Gesicht ich kenne stand vor mir und hat Autogramme gegeben, nicht mehr und nicht weniger. Das ist Teil ihrer Arbeit, das, wovon sich viele Fans etwas versprechen, aber was? Der Fan geht in solchen Momenten auf, kann ohne einen Bildschirm zwischen sich und seinem oder ihrem Idol, Sexobjekt oder dergleichen, in der Aufregung untergehen, für einen Moment etwas Besonderes sein, wenn Scarlett Johansson den selbstgekauften Edding nimmt und auf dem selbstausgedruckten Foto unterschreibt. Für einen Moment gibt es eine Interaktion, das Größte, was in so einer Situation passieren kann.
Ich wollte sie einfach nur sehen. Schauen, ob Scarlett Johansson wirklich real ist. Und nicht nur ein Stück Zelluloid, keine Computeranimation. Natürlich ist sie real, denkt sich so mancher, was sonst. Sie ist eine amerikanische Schauspielerin, die wo wohnt und jeden Tag isst und pinkelt, der kalt ist und die sich Gedanken über Klamotten und Filme macht.
Ja, aber das war der Beweis. Und dennoch muss ich erst darüber nachdenken, dass es so gewesen sein muss, denn als sie da stand, gegenüber von uns, der geifernden wuchtigen Masse, da stand sie da im dreidimensionalen Raum vor dem Zaun und unterschrieb auf Papier und es war auch nicht wie in einem Film aber wirklich real war es auch nicht. Es ist die Physik der Berühmtheit. Menschen fangen an um einen zu kreisen, einen zu kontaktieren, zu fotografieren. Man wird ein Mittelpunkt. Doch es ist eine Physik, der man sich entziehen kann. Zum Beispiel indem man einfach nicht hingeht, oder sich Selbst und den Anderen als genauso wertvollen Menschen wahrnimmt. Dennoch ist es schwierig und zugleich ganz leicht mit der Physik der Berühmtheit.
Ist ein toter Heath Ledger mehr wert als ein toter Afghane, von dem wir noch nie gehört haben? Nein, aber wir dachten einen von beiden gekannt zu haben. Menschen, die wir kennen liegen uns am Herzen. Menschen aus Filmen kennen wir nicht. Ich kenne weder Heath Ledger noch Scarlett Johansson. Zwei mir unbekannte Menschen und einen von beiden habe ich jetzt gesehen. Real.
Der Fan ist Teil ihrer Arbeit und ihres Erfolgs. Dort muss er folglich auch bleiben. Physik ist niemals human, sondern unnahbar. Die Physik ist der Star, nicht Scarlett. Und dass wir ihrem Charme unterliegen ist wieder menschlich. Der emanzipierte Mensch steht darüber. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Aber wäre es auch einer, den man auf rotem Teppich beschreitet?



